Neun Details, die eine automatische Nachzeichnung in Illustrator entlarven

von Monika Gause

Neun Details, die eine automatische Nachzeichnung in Illustrator entlarven

Der Bildnachzeichner in Adobe Illustrator verspricht eine 1-Klick-Lösung. Sobald eine automatisch vektorisierte Grafik umgewandelt und damit kein Live-Objekt mehr ist, kann man rein technisch nicht mehr ablesen, wie sie hergestellt wurde. Trotzdem besitzen diese automatisch nachgezeichneten Grafiken Merkmale, an denen man es erkennen kann. Diese Merkmale können auch als Entscheidungshilfe dienen, um vorab abzuwägen, wie man eine Vektorisierung durchführt und können Ihnen gegebenenfalls als Argumentationshilfe dienen.

Hier ist die Nachzeichnung noch zu erkennen, denn das Objekt wurde noch nicht umgewandelt.

 

Eine manuell durchgeführte Vektorisierung ist bei komplexeren Motiven aufwendiger und damit teurer als eine automatische Vektorisierung. Wenn jedoch in einer automatischen Vektorisierung Details nachträglich korrigiert und angepasst werden, ist dies oft aufwendiger als eine manuelle Vektorisierung.

1. Verläufe

Kein auf dem Markt befindliches Autotrace-Modul kann Verläufe erzeugen. Sie alle können Verläufe lediglich durch abgestufte Farbflächen simulieren. Das ist auch logisch, denn Automatismen können in einer Anhäufung von Pixeln nicht erkennen, welche Pixel zu welchem Objekt gehören, also versuchen sie es gar nicht erst.

Das Ergebnis sieht aus wie ein Verlauf (links); tatsächlich handelt es sich um lauter einzelne Farbflächen (rechts).

 

2. Dateiaufbau

Vektorformen werden typischerweise in Illustrationen gestapelt (bei Formen, die geplottet werden, sind spezielle Produktionsbedingungen zu beachten). Illustrators Bildnachzeichner legt Objekte normalerweise exakt nebeneinander.

Automatische (links) im Vergleich zu manueller Vektorisierung (rechts)

 

Auch andere Funktionen erzeugen nebeneinander liegende Formen

Wenn Sie mit dem Formerstellungs-Werkzeug, Interaktiv malen oder Pathfinder-Funktionen arbeiten, können ebenfalls nebeneinander liegende Formen entstehen. Für sich gesehen ist dies also kein hinreichender Hinweis auf automatisches Nachzeichnen.

Es gibt zwar auch die Möglichkeit, Objekte zu stapeln, dies wird jedoch nur vorgenommen, wenn eins der Objekte komplett umschlossen ist. Bei nur partieller Einschließung entsteht eine Überlappung.

Mit der Einstellung Stapelpfade liegt eine schwarze Fläche unter allen Elementen, Elemente, die nicht komplett eingeschlossen sind, werden unterfüllt (rechts).

 

3. Ebenen

Im Ergebnis des Nachzeichners werden Objekte natürlich auch nicht auf mehrere Ebenen verteilt.

Wenn weder Verläufe noch übereinander liegende Formen in der Grafik sind, wird es schwieriger, zu erkennen, ob sie manuell oder automatisch entstanden ist. Man muss dann genauer hinsehen und gegebenenfalls Referenzobjekte erstellen oder nachmessen.

4. Konturen/Mittellinien-Vektorisierung

Einige Autotrace-Funktionen (z.B. in CorelDraw) bieten relativ gut funktionierende Mittellinien-Vektorisierungen an, die als Ergebnis einzelne Pfade mit mehr oder weniger starken Konturen ausgeben. Illustrators Mittellinien-Vektorisierung taugt allerhöchstens als schlechtes Beispiel.

Aber selbst bei den besseren Programmen gilt, dass das Ergebnis mitunter nicht logisch ist und gelegentlich Linien verbindet, die eigentlich zu verschiedenen logischen Bereichen gehören. Mit Illustrator kann man eine Mittellinien-Vektorisierung im Fall von (CAD)-Plänen ausprobieren und erhält unter optimalen Bedingungen vielleicht ein brauchbares Ergebnis.

Mittellinien-Vektorisierung: einzelne Pfade nachträglich eingefärbt

 

5. Geometrische Formen

Vielleicht gibt es Autotrace-Module, die in der Lage sind, geometrische Grundformen zu erkennen und sauber umzusetzen, Illustrator kann es jedenfalls nicht. Man bekommt keine exakten Kreise, Rechtecke, Quadrate, Polygone, Sterne oder auch nur gerade Linien heraus. Im Gegensatz sind derartige Formen bei der manuellen Vektorisierung sehr einfach zu erzeugen – und was noch besser ist: bei der manuellen Vektorisierung erkennt man die regelmäßige geometrische Form selbst dann, wenn sie in der Vorlage leicht verzerrt ist und kann entsprechend korrigierend eingreifen.

Entlang dieser Geraden sind nicht nur zu viele Punkte, an diesen Punkten sind auch die Griffe herausgezogen. Das geschieht weder bei einer manuellen Vektorisierung noch beim Anwenden von Pathfinder und anderen formbildenden Funktionen.

 

6. Symmetrie

Symmetrien in der Vorlage erkennen die Algorithmen ebensowenig. Auch sonstige Regelmäßigkeiten wie exakt parallel verlaufende negative Formen (Lücken zwischen Objekten) oder abgerundete Ecken erkennt der Algorithmus nicht.

Die Positionen der Punkte sind nicht symmetrisch angeordnet. Das würde bei einer manuellen Vektorisierung nicht passieren. Darüber hinaus sind es zu viele Punkte.

 

7. Text/Schrift

Zwar gibt es automatische Zeichenerkennung (OCR) und es gibt auch Module, die Schriftarten mehr oder weniger gut erkennen können (eingebaut in Photoshop), aber alle diese Dinge existieren neben der Nachzeichnen-Funktion, sodass auch Textelemente mit Pfaden nachgezeichnet und nicht als Text gesetzt werden. In den meisten Fällen, in denen automatisch nachgezeichnet wird (etwa Logos), ist ohnehin eine Umsetzung von Schrift in Pfaden gefragt.

Wenn Sie Zweifel haben, ob die Schrift automatisch nachgezeichnet wurde, ist eine Überprüfung einfach (jedenfalls wenn Sie die Original-Schriftart installiert haben): setzen Sie den betreffenden Text und wandeln Sie ihn per Schrift → In Pfade umwandeln um. Dann vergleichen Sie, wo die Ankerpunkte gesetzt wurden.

Automatisch nachgezeichneter Text (blau) im Vergleich zu umgewandeltem Text (grün)

 

Besser manuell ...

Geometrische Grundformen, Symmetrien und Text gehören zu den Grafikinhalten, die sich in der Regel manuell deutlich besser und sogar schneller vektorisieren lassen als automatisch.

8. Verhältnis Detail/Glattheit

Beim automatischen Nachzeichnen geht es immer darum, einen Kompromiss zwischen exakter Umsetzung der Vorlage und glatten Pfaden zu finden. Beides gemeinsam lässt sich nur bedingt erreichen. Häufig leiden spitze Ecken unter diesem Kompromiss.

Oben wurde die Vorlage mit maximaler Genauigkeit umgesetzt: die Pixelstufen sind im Ergebnis zu erkennen. Unten mit minimaler Genauigkeit, was zu inexakten Ecken führt. Der gelb markierte Bereich ist ein Vektorisierungsfehler, der entsteht, wenn die Vorlage keinen Weißraum mehr enthält und die Formen direkt am Rand enden. An diesen Stellen entstehen gerade Pfadabschnitte.

 

9. Ankerpunkte

Automatische Funktionen setzen Ankerpunkte zwar korrekt in dem Sinne, dass sie zu beiden Seiten von gekrümmten Pfadsegmenten Griffe aus den Punkten ziehen. Dennoch gibt es Fehler in den Ankerpunkten. Häufig werden zu viele Punkte gesetzt und es kann auch passieren, dass Geraden nicht als solche erkannt und leicht gebogen werden, d.h. die Krümmung ist nur dadurch erkennbar, dass Griffe vorhanden sind.

Die komplette Außenbegrenzung könnte mit weniger Punkten umgesetzt werden (trotz geringster Genauigkeitsstufe). Dazu gibt es etliche Unregelmäßigkeiten an Ecken (trotz maximaler Eckeneinstellung) und oben in der Mitte fehlt ein Punkt – auch hier wieder der Fehler, der auftritt, wenn das Motiv direkt am Rand der Bilddatei sitzt.

 

Abgrenzung zu halb-manuellen Ergebnissen

Zu viele Ankerpunkte oder nicht überlappende Formen können auch beim Verwenden der Interaktiv-malen-Funktion, dem Formerstellungs- und dem Shaper-Werkzeug oder nach dem Gebrauch von Pathfinder-Funktionen auftreten. Sie sind für sich genommen kein Hinweis auf den Bildnachzeichner.

In derartigen Fällen achten Sie auf geometrische Formen, die Umsetzung von Schrift, die Exaktheit von Ecken und abgerundeten Ecken oder darauf, ob die Ankerpunkte aneinandergrenzender Formen an exakt derselben Stelle sitzen (sie tun dies in der Regel nicht, wenn automatisch nachgezeichnet wurde).

Shaper-Gruppe (links); nach dem Umwandeln (Mitte und rechts)

 

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